Adobe Photoshop wird es nicht mehr zu „kaufen“ geben

Der Titel klingt zunächst irreführend, ist im Prinzip aber wahr: Das sehr verbreitete Bildbearbeitungsprogramm Adobe Photoshop wird bald nicht mehr als Vollversion zu kaufen sein. Es wird in die Creative Cloud eingegliedert, die man sich fortan nurnoch „mieten“ kann.

Es wird noch weiterhin Verkäufe der Creative Suite 6 (aktuelle Version seit Mai 2012) geben, diese werden aber nicht mehr mit Updates versorgt. Als Nachfolger wird es dann nur die Cloud-Dienste geben, die man sich zu gewissen Konditionen mieten kann.

Die kommenden Versionen werden laut Computerbild weiterhin auf dem PC installiert, die Einstellungen und Daten werden in der Cloud gespeichert. Alle 30 Tage auf ein gültiges Abo überprüft. Es handelt sich also nicht um eine Software as a service, sondern „nur“ um eine Software mit Onlinespeicher.

adobe_cloudDas klingt als erstes wirklich erstaunlich, da nun das erste wirklich massenhaft verbreitete Programm ausschließlich in die Cloud gelegt wird. Bisher ist man diesem Prinzip nur bei manchen Spielen begegnet oder für kleinere (wie z.B. Officeanwendungen), die man bequem im Browser bedienen kann.

In meinen Augen gibt es für die Anwender und für Adobe gewisse Vor- und Nachteile. Sehen wir uns zunächst die Umstellung für Adobe an.

Aus Sicht von Adobe

Das neue Bezahlmodell soll besser gegen Raubkopierer schützen. Durch die regelmäßige Kontrolle auf ein bezahltes Abo wird es wohl schwerer fallen, die Vollversion über schwarze Kanäle zu bekommen. Die Key-Generator, die online so kursieren, basieren ja auf dem Algorithmus, den die Software zum Überprüfen der Gültigkeit des Keys benutzt. Für Hacker ist es bei Software für die Cloud aber schwieriger, diesen Algorithmus herauszufinden.

Der größere Vorteil für Adobe sind die stetigen Einnahmen aus den Abos. Bisher war es wohl so, dass kurz nach Erscheinen einer neuen Creative Suite die Verkaufszahlen und damit die Einnahmen kräftig anstiegen, während sie daraufhin stetig fielen.

Durch den Cloud-Service haben die Entwickler größeren Einblick in das Verhalten der Nutzer. Wie oft nutzen sie das Programm, welche Einstellungen nehmen sie vor (oder behalten sie die Standardeinstellungen).

Ich kenne die genauen Pläne von Adobe natürlich nicht. Ich gehe nicht davon aus, dass die neuen Pläne eine Kampfansage gegen Open-Source Alternativen ist, ihre Marktmacht könnten sie mit Cloud-Diensten aber stark erweitern. Sie können für die Anwender einen Mehrwert aus der Cloud generieren. Das wären dann Dinge, gegen die Open-Source-Software dann wahrscheinlich nicht mehr ankommen kann, da hier die Einnahmen aus den Abos fehlen. Folgende Szenarien für einen sinnvollen Einsatz der Cloud wären möglich:

  • Neue Features und Versionen können „on the fly“ installiert werden. Statt die großen Umstellungen von komplett neuen Versionen zu haben, kämen die Neuerungen Stück für Stück. Da Adobe aber (noch?) kein SaaS plant, fällt dieser Vorteil erstmal weg (abgesehen von ständig neuen Updates)
  • In der Cloud könnten die Einstellungen des Programms gespeichert werden, dazu gehören auch persönliche Pinsel und Paletten und so weiter.
  • Aktuelle Projekte könnten im Onlinespeicher abgelegt werden, wodurch man von mehreren PCs darauf zugreifen kann, ohne ständig einen USB-Stick mit sich herum tragen zu müssen.
  • Kollaboratives Arbeiten mit Freunden und Kollegen wäre vereinfacht: mehrere Leute arbeiten gleichzeitig an einem Projekt.

Mozilla hat für ihren Open-Source-Browser Firefox auch Cloud-Dienste, die sie für ihre Nutzer kostenlos zur Verfügung stellen. Diese erfordern aber einen wesentlich geringeren finanziellen Aufwand als die oben genannten Möglichkeiten.

Nachteil für Adobe: Der Betrieb von einer Cloud kostet Geld. Gerade die Anfangszeit wird sehr teuer werden, was aber durch die Abopreise aber wieder reingeholt wird.

Die eben erwähnten Peaks in den Verkaufszahlen werden wohl nicht mehr so stark ausfallen. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass viele Altkunden dann lange bei ihrer (irgendwann) veralteten Software bleiben und die Abogebühr scheuen. Von einer erhöhten Einstiegsschwelle für Neulinge ganz zu schweigen.

Aus Sicht des Nutzers

Für die Benutzer gibt es auch einige Veränderungen. Die Abopreise von knapp 25 Euro/Monat für einzelne Software bzw. 60 Euro/Monat für die gesamte Suite klingen zunächst happig. Dennoch fährt man bei einer Nutzungdauer von 2 Jahren günstiger als beim Kauf der Software. Nach 27 Monaten wird das Abo dann teurer, was aber eigentlich nicht so schlimm sein dürfte. Denn Adobe brachte ca. alle 2 Jahre eine neue Version der Creative Suite heraus, deren Anschaffungspreis man ja nicht zusätzlich zahlen muss. Folglich: Wer stets die aktuelle Version der Creative Suite kaufte, wird keine großen finanziellen Auswirkungen spüren.

Hier muss man aber trotzdem selbst nochmal nachrechnen, wenn man weitere Faktoren berücksichtigen will: Gibt es Verträge mit Adobe über Updates, für wie viele PCs sind die Lizenzen gültig, werden sie kommerziell genutzt. All diese Sachen habe ich bei dieser schnellen Rechnung nicht berücksichtigt!

Neue Versionen und einzelne Features werden sofort bereitgestellt, auch ohne Aufpreis. Das ist einer der zentralen Vorteile von Cloud Computing. Durch diese Evolution statt Revolution verbessert sich das Programm stetig und wird im Umfang erweitert, ohne dass es „harte“ Umstellungsmomente gibt.

Ein weiterer Vorteil vom Cloud Computing ist der Speicherplatz in der Wolke. Es werden mindestens die Einstellungen der Programme online gespeichert. Das ist bei einer Neuinstallation des PCs ziemlich hilfreich, weil diese Einstellungen im Laufe des Betriebs wachsen. Weitere mögliche Zusatzfunktionen habe ich oben bereits gelistet.

Was bedeutet das für Open Source Alternativen?

Gerade jetzt, also in der Zeit zwischen Ankündigung und Umsetzung, sind die Proteste der Benutzer am lautesten. Momentan regen sie viele Leute darüber auf, dass ihr gewohntes Arbeiten mit Photoshop grundlegend geändert wird.

Eine Umstellung ist sowieso notwendig, also können sie genauso gut auf ein anderes Programm umsteigen. Es gibt noch viele andere kommerzielle Bildbearbeitungsprogramme, aber eben auch Open Source Alternativen. Diese sind kostenlos und ebenfalls sehr gut entwickelt. Bugs gibt es kaum noch und es gibt – wenn auch langsam – Neuentwicklungen.

Wer nutzt eigentlich Photoshop? Die meisten von den heutigen Nutzern von Photoshop sind wahrscheinlich Fotografen, Grafikdesigner oder Studenten. Die ersten beiden Berufsgruppen profitieren meiner Meinung nach von dem neuen Modell (stets aktuelle Software für fast den gleichen Preis). Studenten werden an ihren Unis quasi dorthin erzogen, können aber leicht auf GIMP umsteigen, wenn sie wollen. Die restlichen Nutzer von Photoshop sind Hobbyfotografen oder -bildbearbeiter aus der Freizeit. Für die ist das Abomodell eher abschreckend.

Ich glaube also, dass vor allem aus dem privaten Nutzerkreis von Adobe viele nach kostenlosen Alternativen suchen und letztlich bei GIMP landen. Die gewerblichen Nutzer werden das wohl nicht zum Anlass nehmen und umsteigen.

[Bildquelle]

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